Herzlich Willkommen auf der Gänsewelt! Abenteuer Zoo     Über mich     Impressum
GeraldStock

Exkursionen
Führungen
Petition
Kein Platz für wilde Gänse?
Gänsejagd? Eine Analyse
Gänsedämmerung
junge Graugans

Kein Platz für wilde Gänse?

Sie leben in Großfamilie, sind traditionsbewußt, aber anpassungsfähig und ihrem Partner und ihrer Heimat ein Leben lang treu: Gänse in deutschen Städten. Sie haben Freunde - und manchmal auch Feinde.

Gänse verzücken jeden, der ihnen begegnet, ganz besonders dann, wenn es sich um wachsame Gänseeltern handelt, die einen munteren Haufen Gössel (so werden Gänseküken genannt) mit sich führen. Beobachten kann man dies regelmäßig in verschiedenen Städten Deutschlands, so auch in München. Egal ob Tourist aus Italien, Gast aus Österreich, Geschäftsmann aus Franken oder Familie mit Kind aus München: jeder bleibt stehen und versucht ein Foto von sich und den Gänsen zu machen. Wenn allerdings zur Mauserzeit im Frühsommer die Gänse ihre Schwungfedern verlieren und sich für diese Phase von vier Wochen, in der sie nicht fliegen können, aus nah und fern zu einigen Hundert am Kleinhesseloher See im Englischen Garten München versammeln, beschleicht manchem unbefiederten Zweibeiner ein Gefühl: Das ist zuviel!

Was ist zuviel?

Um mehr als ein subjektives Gefühl handelt es sich dabei jedoch nicht. Wer oder was entscheidet, was zuviel ist? Überläßt man dies dem Empfinden der Parkbesucher, wird sich der eine schon von fünf Gänsen bedroht fühlen, und der nächste wird noch begeistert sein, wenn er beim Lesen auf der Werneckwiese von 300 grasenden Gänsen umzingelt wird...
Die Biologie weiß, daß Überbestände bei Gänsen praktisch nicht vorkommen. Gesunde, erwachsene Gänse hatten in Mitteleuropa nie Feinde, sie müssen allenfalls aufpassen, nicht krank oder verletzt zu werden - z. B. durch Artgenossen, andere Wasservögel oder anthropogene Einflüsse. Gänsebestände regulieren sich daher durch populationsinterne Mechanismen im Zusammenspiel mit Umweltfaktoren selbst. Dabei ist die Gans sich selbst der größte Feind.

Füttern verboten?

Die wichtigsten äußeren Faktoren sind das Angebot an Brutplätzen und geeigneter Nahrung. Wenn man bedenkt, daß die Hauptnahrung für Gänse junges Gras ist, das auf den gepflegten und gemähten Wiesen der Stadtparks in Hülle und Fülle gedeiht, erscheinen die vielfach durch Landratsämter oder Parkverwaltungen ausgesprochenen Fütterungsverbote wie Zynismus, denn ihre Grünämter und Gärtner sind diejenigen, die die Gänse am meisten "füttern".
Die Vermehrung der Gänse regelt sich populationsintern. In einer gewachsenen Population kann jedes Jahr immer nur ein kleiner Teil der Paare brüten - die übrigen fungieren als Brutreserve. Auf jeden Brutplatz kommen also mehrere Bewerber, manchmal drei Paare, manchmal fünf. Werden es zu viele, kommt letztlich keiner zum Erfolg, weil die Paare sich gegenseitig behindern. Es gilt: Je höher der Bestand, um so geringer der Bruterfolg.

Gänse brauchen keine "Manager"

Einem Gelege kann einiges zustoßen: aus mindestens der Hälfte der Eier schlüpft nie ein Gössel. Nach dem Schlupf sind die noch flugunfähigen Gössel extrem gefährdet, der größte Teil, erreicht das flugfähige Alter nicht. Vom Ei bis zum flüggen Jungvogel gibt es daher einen erheblichen Schwund (laut Literatur 10:1). Doch auch die Jungvögel, die das flugfähige Alter erreichen, unterliegen einer höheren Sterblichkeit als Altvögel, so daß nur ein Teil das erste Lebensjahr vollendet.
Brüten können wilde Graugänse erstmals im Alter von drei Jahren, das Durchschnittsalter bei Erstbrut liegt laut Literatur bei vier Jahren. In München sind Grau- und Kanadagänse bei ihrer Erstbrut meist sechs Jahre alt (sofern sie überhaupt zur Brut kommen). Viele Gänse werden erst gar nicht so alt, selbst wenn sie ihr erstes Lebensjahr überstanden haben. Und dann, wenn sie brüten wollen, greifen wiederum die genannten Mechanismen: brutwillige Paare müssen sich gegenüber mehreren Bewerbern einen Nestplatz sichern, es gibt hohe Verluste bei den Eiern, bei den Gösseln usw.
Daraus erklärt sich, weshalb letale Maßnahmen beim sogenannten Gänsemanagement nie zum Erfolg führen. Gänsebestände, die uns Menschen vermeindlich als zu hoch erscheinen, haben die geringste Vermehrungsrate. Letale Maßnahmen vor Ort führen zu einer Verminderung der Konkurrenz und damit zu einem Anstieg des Bruterfolges - zusammen mit einem Zuzug aus anderen Gebieten werden dadurch die Verluste, die durch Bejagung oder Gelegebehandlungen zu verzeichnen sind, schnell wieder ausgeglichen. Im ungünstigen Fall steigt der Gänsebestand sogar an!
Um den Bruterfolg effektiv zu reduzieren, müßte zunächst die gesamte Brutreserve und dann ein Teil der Brutpaare eliminiert werden (also je nach Population 75-90 % des Bestandes). Um den Nachwuchs zu beschränken, müßten Gelege in einem Umfang behandelt werden, der der hohen Verlustrate vom Ei bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres noch etwas draufzusetzen vermag (also mehr als 90 %). Maßnahmen in diesem Ausmaß sind nicht durchführbar, bzw. würden zu einer erneuten Ausrottung der Gänse führen.

Kugelhagel für einen Wiederkehrer

In den letzten 50 Jahren ist der Bestand der Graugans in Bayern - und auch anderen Gegenden Deutschlands - deutlich angestiegen. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß die Graugans in weiten Teilen Mitteleuropas durch starke Bejagung und Absammeln der Gelege als Brutvogel bereits vor Jahrhunderten ausgerottet wurde. Inspiriert durch die Forschungsarbeiten von Konrad Lorenz, die das außergewöhnliche Sozialleben der Gänse offenbarten, wurden ab der Mitte des 20. Jahrhunderts vielerorts Gänse wieder angesiedelt, zunächst meist Kanadagänse, später auch Graugänse. Im Zuge der Rückeroberung verloren gegangener und der Besiedlung heute durch Tagebaue neu entstehender Lebensräume stiegen die Zahlen der Graugänse in Deutschland an und werden in einigen Gebieten auch noch weiter ansteigen.
Was verwundert sind die Bemühungen, dieser Entwicklung mit denselben Methoden zu begegnen, die schon einmal zur Ausrottung der Graugans führten: strenge Bejagung und Reduktion von Gelegen. Statistisch gesehen stehen einer Graugans in Bayern derzeit mehr als 10 Quadratkilometer Fläche zur Verfügung. Der Bestand ist damit nicht hoch und kann keinesfalls zu hoch sein oder gar eine Bedrohung für die bayerische Landwirtschaft darstellen. Zudem zeigen Untersuchungen der Gründerpopulationen in jenen Gebieten, die zuerst besiedelt wurden, daß die Bestände nicht unbegrenzt ansteigen sondern nach einiger Zeit um einen Wert stagnieren.
Lokal kann es zu Interessenüberschneidungen von Mensch und Tier kommen, wenn sich Gänse auf Wiesen in Stadtparks oder an Badeseen aufhalten, die auch von Parkbesuchern und Badegästen genutzt werden. Ihren Ursprung haben diese Konflikte in der Tatsache, daß gewöhnlich handzahme und oft sogar flügelcoupierte Tiere zum Teil direkt an den Orten ausgesetzt wurden, an denen deren Nachfahren heute nicht mehr erwünscht sind. Den Gänsen blieb gar nichts anderes übrig als zu lernen, mit dem Menschen umzugehen. Dieses Wissen gaben die Gänse von Generation zu Generation an flugfähige Nachkommen weiter, die einen Stadtpark nach dem nächsten besiedelten. Nun ist es an uns Menschen, zu lernen, mit den Gänsen umzugehen.

Rassismus gegen Tiere

Besonderen Vorbehalten sehen sich vielerorts Kanadagänse ausgesetzt. Da sie, wie schon am Namen deutlich erkennbar, eigentlich aus Nordamerika stammen, wird ihnen als Neozoen vorgeworfen, sie würden heimische Arten verdrängen und Ökosysteme schädigen. Ein genauer Blick zeigt, daß diese Vorwürfe haltlos sind. Kanadagänse waren die ersten Gänse, die nach der Ausrottung der heimischen Brutbestände ausgesetzt wurden. Trotzdem haben sie bei weitem nicht die Verbreitung und Kopfstärke der viel später ausgesetzten Graugans erreicht.
Richtig ist, daß Kanadagänse in Konkurrenz zu anderen Gänsearten stehen. Nur wo Kanadagänse als Erstbesiedler auftreten, begrenzen sie unter Umständen die Ausbreitung der Graugans, die wesentlich höhere Dichten erreichen kann als die Kanadagans. Andererseits kann die Graugans mit Jagddruck besser umgehen als die Kanadagans.
Richtig ist auch, daß vor dem Gesetz die Kanadagans inzwischen als heimische Art gilt. Eine Tierart, die mindestens 30 Jahre und in dritter Generation in einem Gebiet lebt, ist demnach als heimisch zu betrachten. Das ist bei der Kanadagans längst der Fall, und sie hat dies geschafft, ohne andere Tierarten zu verdrängen oder nachweisliche Schäden anzurichten. Wer gegen die Kanadagans als eingebürgerte Tierart argumentiert, müßte sich konsequenter Weise auch gegen Höckerschwan (in Süddeutschland), Mandarinente, Fasan, Kaninchen, Mufflon, Damhirsch und viele andere wenden.

Quo vadis, Gans?

Welcher Zukunft die Gänse in Bayern bzw. Deutschland entgegen gehen, hängt von der Toleranz des Menschen ab und von seinem Willen, für eventuelle Konfliktfelder Lösungen zu finden, die den intelligenten und höchst sozialen Gänsen sowie dem Naturbedürfnis vieler Großstädter gerecht werden. Denn in der fehlenden Scheu dieser Tiere liegt auch eine Chance. Während man anderswo - auch in Deutschland - das faszinierende Familienleben der Gänse allenfalls mit einem guten Spektiv aus mehreren hundert Metern Entfernung (und oftmals nicht einmal dann) beobachten kann, spielt es sich in den Parks vieler Großstädte direkt vor unseren Füßen ab. Hier gewähren uns die Gänse, zur Freude vieler Besucher, direkten und unmittelbaren Einblick.
Daß man dies nicht für naturtouristische Zwecke nutzen kann liegt einzig daran, daß der Bestand an Gänsen in München oder auch im bayerischen Fünf-Seenland nicht hoch genug ist. Für 40.000 Gänse auf dem Herbstzug bereist mancher Naturfreund einen See oder Küstenort in Norddeutschland. Aber für 40 zahme Kanadagänse mit Gösseln kommt niemand nach Starnberg.
Ein "Kugelhagel" oder das Totstechen von Gelegen kann nicht die Antwort sein auf diese harmlosen und geselligen Tiere, denn dies bedeutete einen dauerhaften Krieg, der nie gewonnen werden kann - es sei denn das Ziel wäre die erneute Ausrottung der Gänse.


Kommen Sie einmal mit und lernen Sie die Gänse besser kennen, auf einer der von mir angebotenen Führungen.


Diesen Artikel schrieb ich 2010 auf Bestellung für die Naturfotografie-Zeitschrift »Naturblick«; abgedruckt wurde dann aber nur eine mitgeschickte Gänsegeschichte zum Thema, die »Gänsedämmerung«, die hier ebenfalls nachzulesen ist.


Fotos von oben nach unten: Titel Gerald Stock (Graugansgössel), 1-11 Silke Sorge (1,3,4,6,7,11 Graugans, 2,9 Streifengans, 5,10 Kanadagänse, 8 Nonnengans)